Offenes Logbuch // Eintrag #026
Betreff: Debriefing zum Puritas-Protokoll – Die Prozession der Abschaffung
[Anmerkung des Architekten]
Jeder Text, den Sie hier lesen, ist ein einzelner Knotenpunkt in einem größeren, vernetzten System – dem Rotfuchs-Protokoll. Dieses System nutzt eine eigene, präzise Sprache, um maximale Klarheit zu schaffen. Um zu vermeiden, dass die Lektüre zu dekonstruktivem Interferenzrauschen (einem Missverständnis aufgrund fehlenden Kontexts) führt, wird dringend empfohlen, zuerst das START HIER-Manifest und die Über-Seite zu analysieren. Sie liefern die Karte für das Territorium, das wir hier gemeinsam erkunden.
[Ende der Anmerkung]
“Von allen Tyranneien mag eine Tyrannei, die zum Wohle ihrer Opfer ausgeübt wird, die bedrückendste sein. Es ist besser, unter Räuberbaronen zu leben als unter allmächtigen moralischen Eiferern.” – C.S. Lewis
Der Regen in Berlin hat eine eigene Frequenz. Er wäscht den Schmutz nicht weg, er lässt ihn nur dunkler glänzen. Ich stand an der Ecke Friedrichstraße, den Kragen hochgeschlagen, als der Verkehr zum Erliegen kam. Kein Hupen, kein Geschrei. Nur eine seltsame, fast liturgische Stille, durchbrochen von rhythmischen Sprechchören.
Es war eine Demonstration. Oder besser: Eine Prozession.
Ich beobachtete die Ränder des Zuges. Dort stand ein älterer Mann, vielleicht Mitte 60, Typ alter Gewerkschafter. Verdi-Weste, grobe Hände, das Gesicht gegerbt von Jahrzehnten der Arbeit. Er nickte den Demonstranten zu, aber in seinen Augen lag eine tiefe Irritation. Er repräsentierte das alte Betriebssystem (Rot). Er war der klassische Materialist. In seiner Welt war der Gegner der Chef im Mercedes. Sein Ziel war es, dem Chef den Mercedes wegzunehmen oder zumindest so viel Lohn zu erstreiten, dass er selbst einen fahren konnte. Sein Treibstoff war der Neid, sein Ziel war das Haben. Er war wie ein Bankräuber: Er wollte an den Tresor. Mit ihm konnte man verhandeln. Wenn der Bauch voll war, endete seine Revolution.
Doch die Gruppe, die an ihm vorbeizog, sprach eine andere Sprache.
Ich fixierte einen jungen Studenten in der ersten Reihe. Bleich, asketisch, der Blick starr nach vorne gerichtet auf ein Ziel, das jenseits der sichtbaren Realität lag. Auf seinem Schild stand nicht „Höhere Löhne“. Dort stand: „Verzichten. Beenden. Abschaffen.“ Er repräsentierte das neue Betriebssystem (Grün). Er wollte den Mercedes des Chefs nicht umverteilen. Er wollte ihn verschrotten. Und er wollte seinen eigenen gleich mit verschrotten. Sein Treibstoff war nicht Neid, sondern Schuld. Sein Ziel war nicht Haben, sondern Reinheit. Er war kein Bankräuber. Er war ein Inquisitor. Er wollte nicht den Inhalt des Tresors – er wollte die Bank niederbrennen, weil das Geld an sich schmutzig war.
Am Straßenrand eskalierte in diesem Moment eine Diskussion. Ein Handwerker in Arbeitskleidung – der klassische Realist – hatte dem Studenten etwas zugerufen: „Wovon sollen wir denn leben, wenn ihr alles dicht macht? Wer zahlt das?“
Die Antwort des Studenten war der Moment, in dem ich das System verstand. Er antwortete nicht mit Zahlen. Er sagte mit eisiger Ruhe: „Wie kannst du an Geld denken, wenn der Planet stirbt? Dein Wohlstand ist Mord.“
Hier zündete er die Ethische Singularität. Wie in einem Schwarzen Loch verschluckte die moralische Gravitation dieses Satzes („Planet stirbt“) jede ökonomische Logik des Handwerkers. Der Mann verstummte nicht, weil er Unrecht hatte. Er verstummte, weil er schlagartig als Monster dastand. Er war im Reinheits-Paradoxon gefangen: Um moralisch „sauber“ zu bleiben, hätte er seiner eigenen Verarmung zustimmen müssen. Die Debatte kollabierte. Es gab keine Schnittmenge mehr zwischen „Überleben sichern“ (Handwerker) und „Sünde tilgen“ (Student).
Ich blickte weiter in die Menge und sah eine junge Frau am Rand, gut gekleidet, Typ Ministerialbeamtin oder NGO-Mitarbeiterin, die den Zug beobachtete, aber nicht mitlief. Sie lächelte still. In ihr erkannte ich den Kuckucks-Effekt. Sie würde morgen nicht auf der Straße kleben. Sie würde in einem Büro sitzen, einen Anzug tragen und sich als „neutrale Expertin“ oder „Wissenschaftlerin“ bezeichnen. Sie würde leugnen, eine Aktivistin zu sein. Aber sie würde das Ei, das hier auf der Straße ausgebrütet wurde – die Ideologie der Abschaffung (Abolishment) – in die Gesetzestexte und Verordnungen legen. Sie ist der unbewusste Parteisoldat, der die Radikalität der Straße in die Sprache der Bürokratie übersetzt.
Eine Frage an den Architekten, der dies liest: Wir zeigen gerne auf den Studenten auf der Straße. Aber der Inquisitor lebt auch in uns. In welchem Meeting, an welchem Esstisch hast du zuletzt die Ethische Singularität genutzt, um eine unangenehme Debatte zu töten? Wann hast du das letzte Mal eine pragmatische Lösung abgelehnt – im Job oder in der Familie –, nicht weil sie nicht funktioniert hätte, sondern weil sie sich nicht „rein“ genug angefühlt hat? Wann hast du die Machbarkeit auf dem Altar deiner eigenen Moral geopfert, nur um dich überlegen zu fühlen? Der Kampf zwischen Realität und Reinheit findet nicht nur auf der Friedrichstraße statt. Er findet jeden Tag in deinem eigenen Kopf statt.
Missions-Debriefing
Als sich der Zug auflöste und der Verkehr wieder anrollte, war die Diagnose klar. Wir begehen einen fatalen Fehler, wenn wir diese Menschen mit den Maßstäben der Vergangenheit messen.
Sie sind nicht marxistisch, sie sind puritanisch. Sie wollen keine Umverteilung (Redistribution), sie wollen Abschaffung (Abolishment). Das Ende des Autos, das Ende des Fleisches, das Ende des Eigenheims.
Ökonomie ist wirkungslos. Wir müssen aufhören, ihnen vorzurechnen, dass ihre Politik Arbeitsplätze kostet. Für den Inquisitor ist der Verlust eines Industriearbeitsplatzes kein Schaden, sondern ein aktiver Beitrag zur Buße. Armut (Degrowth) ist für sie kein Bug, sondern ein Feature.
Die Strategie: Wir dürfen nicht mehr sagen: „Das können wir uns nicht leisten.“ Wir müssen sagen: „Wir wollen eure Erlösung nicht.“ Wir müssen die Theologie angreifen, nicht die Kostenstelle.
Der Kampf ist nicht mehr „Markt gegen Staat“. Der Kampf ist „Realität gegen Reinheit“.
Dies war ein Protokoll.
Wenn du bereit bist, die Systeme in deiner eigenen Welt zu dekonstruieren und deine eigene Karte zu zeichnen, dann werde Teil der Mission.

